Über Sexismus reden – aber wie?

Großen Anklang fand am Samstag den 7.2. die Veranstaltung zur Ausstellung „Let’s talk about Sex“ism in der Stadtbücherei Buchholz. Ca. 80 Menschen aller Altersgruppen hörten den beiden Rednerinnen Marion Ellenberger und Pia Bänecke zu und erkundeten die ausgestellten Plakate und Bilder.

Marion erzählte zunächst, wie die Ausstellung entstand und was wir damit erreichen möchten. Pia thematisierte den Ursprung von Sexismus und den Zusammenhang mit patriarchalen Machtstrukturen und zeigte auf, wie aktuelle gesellschaftliche und politische Trends die feministischen Errungenschaften wieder versuchen zurückzudrehen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Ausstellung ist noch bis zum 26.2. in der Stadtbücherei zu sehen.

Hier kommen Auszüge aus beiden Reden:

Marion: „Über Sexismus reden – aber wie? Das haben wir von den Grünen in Buchholz uns gefragt, als wir dem Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ des Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend beigetreten sind. 

Sexismus im Alltag ist oft leise. Er zeigt sich in beiläufigen Kommentaren, in Erwartungen, in Blicken, in Strukturen, die so normal erscheinen, dass man sie kaum noch hinterfragt. Wir erleben ihn am Arbeitsplatz, in Kultur und Medien, im öffentlichen Raum, aber auch in der Familie. Immer geht es dabei um Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.

Die Informationstafeln des Bundesministeriums zeigen Fakten, Begriffe und Beispiele. Sie machen sichtbar, was häufig übersehen wird, und liefern eine wichtige Grundlage für Einordnung und Verständnis. 

Darüber hinaus haben wir uns gefragt, wie Menschen in Buchholz in ihrem Alltag Sexismus erleben und wie dies sichtbar gemacht werden kann. Bei den Künstlerinnen und Künstlern vom offenen Atelier Mopsblau um Katja Staats haben wir, Pia Bänecke und ich  großes Interesse und Offenheit vorgefunden und in einem Workshop gemeinsam zu dem Thema gearbeitet.

Die Künster:innen im Alter von 14 bis über 70 Jahre haben sich im vergangenen Jahr intensiv mit dem Thema beschäftigt und ihre persönliche Sicht und Betroffenheit in ihren Bildern zum Ausdruck gebracht.Dadurch ist etwas ganz besonderes entstanden. Denn nun stehen den 12 Informationstafeln die 24 Bilder und Collagen regionaler Künstler:innen gegenüber.  Sie übersetzen Erfahrungen, Gefühle und Widersprüche in eigene Bilder. Sie sind persönlich, direkt und manchmal unbequem. Sie laden nicht nur zum Anschauen ein, sondern zum Spüren und zum Nachdenken.

Gerade diese Verbindung aus Information und Kunst macht die Ausstellung so stark. Sie zeigt: Sexismus ist kein abstraktes Thema, sondern Teil unserer gelebten Realität. Und sie zeigt auch, wie wichtig unterschiedliche Perspektiven und künstlerische Stimmen aus unserer Stadt sind, um diese Realität sichtbar zu machen.

„Let’s talk about sex(ismus)“ – der Titel ist eine Einladung. Zum Reden, zum Zuhören, zum Hinterfragen der eigenen Haltung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Offenheit. Nicht um Schuld zu verteilen, sondern um Bewusstsein zu schaffen und Veränderung möglich zu machen. Dass wir uns heute hier versammeln, zeigt: Wir sind bereit, hinzusehen und zuzuhören. Und das ist ein entscheidender Schritt. Denn Veränderung beginnt nicht mit perfekten Formulierungen, sondern mit Offenheit. Mit der Bereitschaft, eigene Perspektiven zu hinterfragen und Erfahrungen anderer gelten zu lassen – auch dann, wenn sie nicht den eigenen entsprechen.“

Pia: Marion hat es gerade sehr gut umrissen, wie vielfältig Sexismus ist, in all seinen Formen. Das wiederhole ich jetzt nicht. Ich möchte heute über zwei Dinge sprechen: den Ursprung von Sexismus – und die Herausforderung unserer Zeit.

Der Ursprung hat einen Namen: das Patriarchat. Das ist kein Schimpfwort und auch kein „alle Männer sind schuld“. Patriarchat heißt schlicht: Unsere Gesellschaft ist lange so gebaut gewesen, dass Männer mehr Macht hatten – über Geld, Regeln, Politik, Sprache, Körper. Und wenn eine Gruppe lange mehr Macht hat, dann werden ihre Regeln zur „Normalität“.Daraus wächst Sexismus. Und wichtig: Sexismus ist nicht nur das, was viele sofort im Kopf haben – Anmache, Übergriffe, „zu nah kommen“. Das gehört dazu, aber Sexismus ist breiter. Sexismus ist der Überbegriff für Diskriminierung wegen des Geschlechts – und für die Ideen dahinter, die Abwertung überhaupt erst möglich machen. Das Patriarchat ist wie das Betriebssystem. Sexismus sind die Programme: „Frauen sind so…“, „Männer müssen so…“. Und wer aus der Rolle fällt, bekommt Druck und Hass. Manchmal als Witz. Manchmal als Nachteil. Manchmal als Gewalt. (…)

Und diese Rollen machen nicht nur Frauen das Leben schwer. Auch Männer leiden darunter – und zwar massiv. Viele Jungs lernen früh: Sei hart. Zeig keine Schwäche. Hol dir keine Hilfe. Männer, die dem Bild des „starken Mannes“ entsprechen wollen, leiden nachweislich häufiger psychisch und suchen seltener Unterstützung. (…)

Deshalb brauchen wir etwas, das ich solidarische Männlichkeit nenne. Das heißt: Männer sind nicht nur „nicht sexistisch“. Sie stehen aktiv an der Seite von Frauen – und auch an der Seite anderer Männer, die aus diesem Käfig rauswollen.

Das sieht ganz konkret so aus:

  • Wenn im Freundeskreis ein Spruch fällt wie „Die hat’s doch provoziert“, dann wird nicht gelacht, sondern gefragt: „Wie meinst du das?“
  • Wenn eine Kollegin unterbrochen wird: „Lass sie bitte ausreden.“
  • Wenn Zuhause Arbeit ansteht – Kinder, Pflege, Haushalt – dann ist das keine „Hilfe“, sondern Verantwortung, die geteilt wird.

Damit das klappt, brauchen wir eine Kultur, in der Sexismus benannt werden darf. Und in der wir dieses unangenehme Gefühl, dass dann entsteht auch aushalten. Wenn Sexismus verharmlost oder tabuisiert wird, wird er schwerer zu erkennen und zu bekämpfen – erst eine offene Gesprächskultur hilft, ihn einzudämmen. Genau dafür ist diese Ausstellung da: nicht als Zeigefinger, sondern als Gesprächsanlass.

Und wir brauchen diese Gesprächsanlässe jetzt grade wieder sehr dringend, denn wir erleben grade einen massiven Backlash. Also Rückschlag im Feminismus auf der ganzen Welt. Gleichberechtigung wird plötzlich als „zu viel“ verkauft. Antifeminismus als Verteidigung einer angeblich „natürlichen“ patriarchalen Ordnung definiert. (…)

Viele Männer haben gelernt, dass sie die Rolle des Versorgers erfüllen müssen. Jetzt können Frauen das aber selber. Welche Rolle übernimmt dann ein Mann in einer hetero-Beziehung? Das kann sich gruselig anfühlen, wenn man etwas neu definieren muss.

Außerdem werden die Privilegien die Männer im Patriarchat genießen, ja nicht als solche wahrgenommen. Bessere Beförderungschancen, höhere Gehälter, weniger mental load und weniger carearbeit sind ja der Normalzustand. Wenn mir jetzt etwas von meinem gefühlten Normalzustand weggenommen wird – eben diese Privilegien – dann fühlt sich das an als wenn ich benachteiligt werde. Verständlich, dass man sich dagegen wehrt. Umso wichtiger, dass wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, Aufklärungsarbeit leisten und uns nicht bekämpfen.

Aber zurück zum backlash: Diesen Rückschlag sehen wir einerseits im Netz. Mit Tradwives, also Frauen die Videos posten in denen sie einen traditionellen Lebensstil romantisieren oder Alphamänner, die auf Tiktok Dating Tipps geben. Dann auch im internationalen Geschehen. Ob es die Frauen in Afghanistan sind, die so massivst von den Taliban unterdrückt werden, dass sie quasi von der Bildfläche verschwunden sind. Kein Zugang zu Bildung, zu Arbeit oder Gesundheitsversorgung. Oder uns kulturell vielleicht näher –  die Frauen in den USA. Für die es quasi keinerlei Möglichkeit mehr gibt legal abzutreiben. Selbst wenn es gesundheitlich notwendig ist und die Frau sonst verstirbt. Andererseits merkt man den Backlash aber auch ganz konkret politisch bei uns, wie bei der Bundestagswahl 2025. Dort schnitten Union, AfD und FDP bei Männern stärker ab, SPD, Grüne und Linke bei Frauen. Und Studien zeigen auch in Europa eine wachsende Kluft in politischen Einstellungen zwischen jungen Frauen und jungen Männern. Frauen wollen Freiheit, Männer die Rückbesinnung zu traditionellen Werten. Die Extreme werden stärker, der Hass noch größer.

Warum sage ich das hier, in einer Stadtbücherei in Buchholz? Weil diese Spaltung nicht „irgendwo da draußen“ passiert. Sie passiert am Esstisch, im Chat, auf dem Schulhof, im Verein. Und sie hängt mit Rollenbildern zusammen: Wer „Männlichkeit“ als Dominanz verkauft, verkauft oft gleich noch ein Feindbild mit – Feminismus, Vielfalt, „die da“. Das bedeutet am Ende: Frauen werden zum Gegner erklärt, statt zum Gegenüber. Und das ist brandgefährlich.

Und: Der Backlash kommt nicht nur von Männern. Auch Frauen können sexistisch denken – und das weitergeben. Das nennt man internalisierte Misogynie. Misogynie also Fachdeutsch für Frauenfeindlichkeit. Internalisiert heißt: übernommen, verinnerlicht. Das zeigt sich, wenn Frauen über andere Frauen sagen: „Die ist doch selbst schuld“, „Die soll sich nicht so anstellen“, „Die will sich nur wichtig machen.“

Deshalb müssen auch wir Frauen solidarisch sein – und feministisch. Und ich räume kurz mit einem Klischee auf: Feminismus ist kein Männerhass. Feminismus ist die einfache Idee, dass alle Menschen – egal welchen Geschlechts – die gleiche Freiheit, die gleiche Sicherheit, die gleichen Chancen verdienen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Und das können wir im Alltag mehr leben. Mit Mikrofeminismus: kleine, machbare Schritte, die das Klima ändern.

  • Hinsehen statt wegsehen. Wenn etwas „komisch“ ist, ist es oft nicht harmlos.
  • Nachfragen. „War das okay für dich?“ – das ist manchmal schon Hilfe.
  • Stoppen. „Stopp, so reden wir hier nicht.“
  • Verbünden. Zwei Stimmen wirken anders als eine.
  • Dranbleiben. Nicht perfekt werden – nur besser.

Als Stadträtin sage ich auch: Wir können Rahmen setzen – in Schulen, Vereinen, bei Veranstaltungen. Aber der wichtigste Hebel bleibt Kultur. Was wir normal finden. Was wir dulden. Und was nicht.

Diese Ausstellung ist ein Spiegel. Manchmal denkt man: „Uff.“ Manchmal: „Genau so.“ Und manchmal: „Da habe ich selbst schon mitgemacht, ohne es zu wollen.“ Das ist kein Grund, sich zu verstecken. Das ist ein Grund, Verantwortung zu übernehmen.

Ich wünsche mir, dass wir heute nicht nur Kunst anschauen, sondern ins Gespräch kommen: mit den Künstlerinnen, mit den Menschen neben uns, mit unseren Kindern, mit Kolleginnen und Kollegen. Und dass wir danach einen Satz mehr sagen als gestern, wenn’s drauf ankommt.

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